Transkription Edikt der Stadt Frankfurt über die Leichenruhe 1779

Wir Burgermeistere und Rath dieser des heiligen Reichs Stadt Frankfurt am Mayn, fügen hiermit zu wissen:

Nachdeme Uns von Unserem Sanitäts-Amt, zum grösten Befremden, die glaubwürdige Anzeige geschehen, wasmassen in hiesieger Stadt zeithero verschiedentlich der unleidliche Misbrauch einreissen wollen, die Leichname deren Verstorbenen allzufrühzeitig, zuweilen wol gar noch an dem Tag ihres Absterbens, oder wenigstens den gleichfolgenden darauf, zu begraben, Wir aber diesem, bey kundbarer Ungewiß und Betrüglichkeit derer insgemein angegeben werdenden Todeszeichen sehe gefährlichen und in allem Betracht keineswegs zu duldenden Unfug, vermöge der Uns obliegenden obrigkeitlichen Vorsorge für das Wohl, Gesundheit und Leben hiesiger Burger und Einwohnerschaft, nach allen Kräften zu steuren, und selbige für immer abzustellen, ernstlich gemeynet sind; Als sind Wir uns bewogen, dieserhalben die erforderliche nachdrückliche Vorkehrung zu thun, sezen demnach, ordnen und befehlen hiermit:

1) Daß vom 1. Merz an kein Verstorbener, wes Alters, Standes oder Würden er gewesen, allhier ehe zur Erde zu bestatten, bevor nicht, nach seinem Ableben, drey Nächte, unter welche jedoch die Nacht des Todes mitzurechnen, abgelaufen, und hierüber ein für allemal in der Regul fest gehalten werden solle.

Damit man aber

2) von der eigentlichen Stunde des Abscheidens eines Verstorbenen, zu richtiger Berechnung der Begräbnißzeit, jedesmal genaue und zuverlässige Wissenschaft erlangen möge, so wird allen Burgern und Einwohnern dieser Stadt, bey Vermeidung einer hiermit auf jeden Uebertretungsfall geseßten und von Unserem jüngeren Herrn Burgermeister alsofort einzutreibenden Strafe von 10 Reichsthalern, gemessen und nachdrücklich aufgegeben, sogleich nach dem, bey ihnen oder in ihren Häusern sich ergebenden Sterbfall, oder, da solcher in der Nacht sich zutrüge, sobald früh morgens darauf, den Tod des Verstorbenen, mit schriftlicher Vermerkung der Stunde auf einem Zettul, dem zeitigen Kirchendiener anzuzeigen; Dieser aber hat

3) dagegen einen gedruckten, behörtig auszufüllenden, und mit seiner Unterschrift zu versehenden, auch denen ganz Armen und Unbemittelten ohnentgeltlich auszufertigenden, von anderen aber, mit 8 Kreuzer bey ihm zu lösenden Schein, wovon demselben bereits das Formular zugestellt worden, an den ueberbringer zu behändigen und in selbigem, wann sonsten keine Bedenklichkeit vorwaltet, zu der Beerdigung, nach Ablauf derer drey Nächte, auf einen bestimmten Vor- oder Nachmittag die Erlaubniß zu geben; Zu welchem Ende dann nicht nur demselben von Unserem Kastenamt dieserhalben eine genaue besondere Weisung geschehen, sondern auch er, wegen pünktlicher Beobachtung dieser Ordnung, auf seinen bereits geleisteten Eid in Handgelöbniß genommen worden. Da jedoch

4) mehrmalen sich Fälle ergeben, bey welchen theils die Gewißheit des Todes nicht zu bezweifeln stehet, mithin die Beerdigung ohnbedenklich früher geschehen kann, theils wegen eingetretener Witterung und anderer Umstände die Aufbehaltung des verstorbenen Leichnams […….] drey Nächte durch, nicht wohl möglich oder mit mancherley Schwierig= und Unannehmlichkeiten verknüpft seyn mögte, so soll zwar, bey solch ausserordentlichen Vorfällen, die Veranstaltung eines frühzeitigern Begräbnisses gestattet seyn, jedoch vor Mittheilung und Ausfertigung des hierzu nöthigen Erlaubnißscheins, der Körper des Verstorbenen, anforderst durch einen verpflichteten, hiesig ordentlich angenommenen Doctor der Arzneygelahrtheit besichtiget und sorgfältig untersucht, auch darauf von Lezterem in einem ebenfals gedruckten, auszufüllenden und unterschriebenen, denen Armen und Unbemittelten gleichmässig ohnentgeltlich auszufertigenden, sonsten aber mit 30 Kreuzer zu bezahlenden Schein pflichtmässig bezeugt werden, daß an dem abgelebten Körper sich solche offenbare und untrügliche Zeichen des wirklichen Todes wahrnehmen lassen, daß daran nicht im geringsten zu zweifeln sey, wo alsdann erst von dem Kirchendiener obbemerkter Begräbnißschein ausgefertigt werden kann.

Ohne diesen, zu der Beerdigung überhaupt, künftig ohnumgänglich erforderlichen und in der vorgeschriebenen Ordnung erhaltenen Erlaubnißschein aber soll

5) kein Todter, er sey von was Alter, Stand oder Würden er wolle, künftig allhier zur Erde bestattet werden; Wannenhero nicht nur hierdurch an sämtliche hiesige Todtengräber der geschärfte Befehl ergeht, bey ohnfehlbar sonsten zu gewarten habender Verabscheidung und anderer willkürlicher jedoch geschärfter Bestrafung, ohne Vorzeigung und Aushändigung fothanen Begräbnißschein fernerhin kein Grab zu machen, noch einen Todten weiter zur Erde zu bringen, sondern es sollen auch selbige noch überdieses von Unserem Kasteamt dieserhalben auf ihren vorhin geleisteten Eid in Handgelöbniß genommen und diese Verordnung, zu genauester Gelebung, ihrer Instruktion einverleibt werden. Uebrigens sind

6) die sämtliche, nach Beschaffenheit derer Umstände ausgefertigte Zeugnisse derer Aerzte, von den Kirchendiener, die von denen Todtengräbern, längstens alle Monate, bey Unserem Kastenamt ordentlich einzuliefern, und bey diesem iahrweis zusammenzupacken und aufzubewahren.

Gleichwie Wir nun nicht zweifeln, es werden alle und jede Burger und Einwohner dieser Stadt, Unsere, bey dieser gemachten Verfüg= und Anordnung hegende wohlmeynende Absicht von selbsten erkennen, und das ihrige zu deren vollkommener Erreichung gerne und willig beytragen; Also werden Wir hingegen wider diejenige, welche sich hierunter gegen besseres Bermuthen, in Beobachtung ihrer Schuldigkeit ungehorsam oder saumselig erfinden lassen sollten, ohne Ansehung der Person mit aller Schärfe verfahren zu lassen nicht entstehen; Zu welchem Ende dann, und damit sich niemand mit der Unwissenheit entschuldigen möge, gegenwärtige Verordnung, wenn solche zum Druck befördert worden, nicht nur an gewöhnlichen Orten öffentlich angeschlagen, sondern auch noch von Haus zu Haus in denen Quartieren dieser Stadt umgetheilet besonders aber denen Leichenbittern und Todtengräbern von Unserem Kastenamt zugestellet werden soll. Wornach sich jedermann aufs genaueste zu achten und für Schaden und Strafe zu hüten wissen wird.

Geschlossen bey Rath

den 26. Jenner 1779

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