Das Hexenplätzchen am westlichen Ende der alten Mainzergasse.

1631. Damals lebte in einem kleinen Häuschen ein altes Mütterchen. Alter und Krankheit hatten den Rücken gebeugt, die Tränenflut, die sie um ihren früh verstorbenen Mann vergossen, hatte ihre Augen entzündet und mühsam humpelte sie am Stabe dahin, fortwährend mit dem Kopf wackelnd.

Sie besaß ein liebliches Töchterlein, das nun schon zur einer holden Jungfrau herangewachsen war. Wenn sie an das Fenster des kleinen Häuslein trat, war es ob ein lichter Schein sich verbreitete, so goldig glänzte ihr langes Haar und so freundlich und sonnig leuchteten ihre blaue Augen.

Doch das Volk wollte nichts mit beiden zu tun haben. Die eine war ihm zu schön und neidisch blickte man hin wenn sie vorrüberschritt; der anderen aber ging man aus dem Wege und bekreuzigten sich, wenn man sie sah, denn man hielt sie für eine Hexe. Ihr Aussehen sprach ja dafür und eine
andere Auffälligkeit verstärkte den Argwohn. Das Mütterchen hielt eine große Menge an Katzen. Wohin sie auch ging, ein paar Katzen begleiteten immer das Mütterchen und durch die offene Haustür konnte man ein Schnurren hören und wie sie sich mit den Katzen unterhielt.

„Na, warte nur du alte Vettel, bald ist das Maß voll, dann wird dir der Henker anheizen! Das soll ein lustiges Feuerchen geben! Und dein holdes Töchterchen mag dich begleiten! Ihre Schönheit ist doch auch nur Teufelswerk!“

Doch noch hatte das Volk andere Sorgen. Die Hunde des Krieges erreichten die Wälle Frankfurts. Die Landbevölkerung floh in die Stadt und der Schwedenkönig Gustav Adolph erzwang Zugang nach Sachsenhausen wo er sein Lager nahm. Noch lief der Messhandel, obwohl der Landverkehr fast zum Stillstand gekommen war.

Einem schmucken Schweden der durch die Mainzergasse ritt, war ein schönes Mädchen aufgefallen, das an einer Krambude ein buntes Band für ihr schönes goldiges Haar auswählte. Seitdem hatte er sie manchmal getroffen und gesprochen. Und mit der Einwilligung der Mütter durfte der hübsche Reiter das Töchterlein öfters zu Hause besuchen. Oft saßen der junge schwedische Offizier, umgeben von einem Heer von Katzen, mit der Tochter und der Mutter zusammen in dem kleinen Häuschen in der Mainzergasse. Doch langsam legte Gevatter Tod seine Hand über die Stadt. Eine Hungersnot zwang die Menschen Ratten und Mäuse zu essen. Sogar das Leder der Stiefel wurde aufgekocht und verzehrt. Da erinnerte man sich an die Katzenschar, die in dem kleine Haus in der Mainzer von der Alten gehalten wurde. Was kümmert sie jetzt, ob es verhexte Menschen waren! Das Katzenfleisch sollt ihren quälenden Hunger stillen.

Aber sie stießen auf zähen Widerstand! Beide, Mutter und Tochter, hatten sie das Essen vom Munde abgespart, um ihre Lieblinge nicht Not leiden zulassen und jetzt wollten die bösen Menschen den schönen und lieben Tiere an das Fell? Niemals! Trotz allen Wünschen und Drohungen, hörte der
Mob nur ein festes „Nein!“. Aber der Geduldsfaden der Menge riss und der Aufruhr wuchs und Steine flogen auf das Haus. „Holt sie raus! Wir verbrennen die Hexen gleich hier!“.

Schon wurde das Holz herbeigeholt. Da, was war das? Pferdegetrippel! Im wilden Galopp und gezückte Säbel ritten Krieger in die Gasse ein, ihre Schlachtrösser stürmten in die Menschenmenge. Panik, Chaos, Angst, Pferde die sich aufbäumen, Rufe in einer fremden Sprache, die Menge flieht in Seitengassen und Höfe. Ein Trupp von Männer, angeführt von einem schmucken Mann, treten die Haustür ein und holen Mutter und Tochter raus. Schnell werden sie auf den Rücken der Pferde geworfen und schon sind diese wilde Krieger im schnellen Galopp nach Sachsenhausen erschwunden.

Alles ging so schnell, das keiner wusste was passierte. Manche sahen die Frauen auf den Pferden und die Katzen hielten sich an den Gewändern fest, manch einer sagte, er sah das einer der Reiter der Teufel war. Auch die befragten Brückenwächter konnten nur berichten das Gespensterzug im wilden Galopp die Brücke stürmte.

Niemals wieder wurde Mutter und Tochter gesehen und seit diesem Tag nennt man diesen kleinen Platz, das Hexenplätzchen.

Hat der Teufel die beiden Frauen geholt, oder doch nur ein schmucken Schwede? Das möge der Leser selber erscheinen, denn die Frauen wie das Hexenplätzchen sind in die Geschichte verschwunden.

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